Disclaimer: Im heutigen Artikel geht es um psychische Erkrankungen, die besonders durch Stress ausgelöst werden, unter anderem Burnout und Depressionen. Falls du vom Thema betroffen bist (teste hier) und damit nicht umgehen kannst, hole dir bitte ärztlichen oder psychotherapeutischen Rat! Anlaufstellen sowie Hotlines findest du am Ende des Beitrags.

Ich bin meine eigene Insassin und Wächterin zugleich in meinem Kopf.
Meine innere Uhr tickt.
Immer lauter und schriller.
„Dir bleibt nicht viel Zeit“, schrie sie.
„Du musst alles nachholen, was du bis jetzt versäumt hast!“
Also fing ich an, über das zu reflektieren, was ich nicht erreichte.
Während ich bereits vergaß, welche Steine, die mir den Weg zur Glückseligkeit und zum Erfolg blockierte, ich mit Elan aufhob.
Ein ewiges Hamsterrad. Es hört nicht auf, sich zu drehen.
Kein Schalter zum Abschalten.
Ich kämpfe mit der Angst vor der Angst.
Die Angst nicht genug zu sein. Meinen Erwartungshorizont nicht erweitern zu können.
Angst in Vergessenheit zu geraten. Abgelehnt und ausgestoßen zu werden.

Zu hohe Ansprüche, sowohl von mir als auch von meinen Mitmenschen.
Meine Eltern wollen, dass ich Ärztin oder Anwältin werde.
Meine Verwandten wünschen sich, dass ich mich eines Tages binde.
Ich verstehe, dass sie das Beste von mir wollen.
Doch ab wann wird aus Unterstützung Unterdrückung?
Ab wann darf ich vom Orkan sprechen, der meine Existenzangst beschwört?
Viel mehr stelle ich mir die Frage, was ich allein als Individuum verwirklichen möchte.
Vielleicht möchte ich keine Familie gründen – und das noch so früh wie möglich, sonst verpasse ich den Zug Richtung junge Mutter und meine biologische Uhr verliert ihren Takt. Dieses Zeil stand mein Leben lang nie auf meiner Liste.

Wer überlebt und wer brennt aus?

Das Leben ist ein ständiger Ringkampf. Eine Olympiade.
Und sich gegenseitig zu konkurrieren, wer mehr leistet und mehr Aufmerksamkeit bekommt, zählt als eine von vielen Disziplinen.
Denn wer auf die Pause-Taste drückt, scheidet mit einem Fingerschnippen aus dem Wettbewerb aus.
Weil wir in den Augen der Allgemeinheit nicht genug bieten: unterqualifiziert, ausbaufähige Schulnoten und kein Doktortitel im Namen.
Kurz gesagt: faul. Wir seien schlicht und einfach faul.

Wir begegnen den Leistungsdruck anfangs in der Schule: zwischen 35 und 60 Wochenstunden Unterricht; gefolgt von Hausübungen, Referaten und Prüfungen.
Schon als Kinder fingen wir an, uns zu vergleichen.
Wer schreibt bessere Noten?
Wer bekommt bei den Lehrkräften mehr Sympathiepunkte, um durch die Schuljahre mit etwas Leichtigkeit durchzubeißen?
Bei wem steigt die Chance, ein Auslandssemester zu absolvieren?
Mit anderen Worten: Wer ist perfekt?
Um Perfektion geht es also? Aber warum streben wir nach einem vagen Maßstab?
Ein Konstrukt, das uns auffordert, unser Selbst aus unserem Gedächtnisprotokoll zu löschen?
Auszubrennen, wie eine Flamme, die kontinuierlich brennt?

Wer darf sich den toxischen Stress erlauben?

Bestleistungen in der Schule; im Studium oder im Ausbildungsplatz.
Einen ausgezeichneten Abschluss.
Darüber hinaus einen gut bezahlten Job für finanzielle Sicherheit.
Und abschließend als Sahnehäubchen: Ehe schließen, Familie gründen, bis der Tod sie scheidet.
Es ist eine nie endende To-do-Liste.
Was zählt denn als Arbeit?
Bedeutet Arbeit entweder ein Studium (plus Nebenjobs)? Oder 12,5 Wochenstunden belastbare Schichtarbeit zu leisten?
Denn ich als Studierende – und Perfektionistin – darf mir keinen Leistungsdruck und Burnout erlauben, obwohl ich für jede Prüfung büffle (ich hasse es schlechte Noten zu schreiben), bald wissenschaftliche Arbeiten verfasse und diese später präsentieren muss.
Versäume ich jedoch aus diversen Gründen eine wichtige Vorlesung, begrüßen mich die Panikattacke und die Zweifel, ob ich es schaffe, die Regelstudienzeit einzuhalten.

Auch Menschen, die vom Arbeitsmarkt benachteiligt sind, kämpfen mit dem Leistungsdruck.
Entweder, weil sie einer marginalisierten Gruppe angehören und ungern als Bankangestellte oder Dozierende eingestellt werden.
Oder, weil sie sich trotz der vielen Praktika nicht ihren Stärken und Verbesserungspotentialen bewusst sind.
Permanent fühlen sie sich wertlos in unserer Gesellschaft, weil sie immer noch nach Arbeit suchen.

You’re not behind in life. There’s no schedule or timetable that we all must follow. It’s all made up. Wherever you are right now is exactly where you need to be. Seven billion people can’t do everything in exactly the same scheduled order. We are all different with a variety of needs and goals. […] Your life is not on anyone else’s schedule. Don’t beat yourself up for where you are right now. It’s YOUR timeline, not anyone else’s, and nothing is off schedule.

Emily Maroutian

Was bleibt?

Leistungsdruck an uns auszuüben gefährdet unsere Gesundheit, bis uns der Burnout einholt.
Leider sprechen wir kaum mit einer Vertrauensperson darüber.
Weil die seelische Erkrankung entweder „nur ältere Menschen und all jene betrifft, die mehr arbeiten, als die aus Generation Y und Z“ oder das „bloß eine Modeerkrankung ist.“ Was fällt uns ein, uns über unsere Stimmung zu beschweren?

Und wie kompensieren wir unsere Gefühlslage, um unsere innere Leere zu füllen?
Richtig, wir stürzen in eine Welt des übermäßigen Konsums; kaufen immer mehr ein.
Ob wir diese Produkte tatsächlich brauchen und ob sie uns bereichern, das hinterfragen wir nicht. Frustessen tritt ebenfalls auf.
Oder wir betäuben stattdessen unseren Körper und unseren Geist.
Wir berauschen uns, bis mir mit einem Was-um-alles-in-der-Welt-ist-passiert-Gedanken aufwachen.
Oder wir beschuldigen willkürlich andere, sogar wildfremde Personen, weil sie zu unserem Unglück einiges beitragen.
Aber liegt das Problem im Endeffekt nicht an uns, dass wir innerlich verzweifelt nach Hilfe schreien?

Daher sollten wir uns und unsere Leistungen nicht mit den der anderen parallelisieren und stattdessen gegen den Strom schwimmen!

Erzähl mal: Was sind deine persönlichen Erfahrungen mit Burnout? Stimmt es, dass der Leistungsdruck ein massives Problem unserer Gesellschaft ist? Kommentiere hier deine Gedanken oder schreibe uns auf @basmamagazine. In diesem Sinne: Pass auf dich auf!

Anlaufstellen und Hotlines

Erkennst du dich in diesem Artikel wieder und nimmt der Leistungsdruck zu, ist es ratsam dich an Hausärzt*innen deiner Gegend zu wenden. Oder je nach Wohnort an die aufgelisteten Anlaufstellen.

Deutschland
Hotline der Telefonseelsorge: +49 (0)800 111 0 111 oder +49 (0)800 111 0 222 (kostenfrei)
UPD Unabhängige Patientenberatung Deutschland: 0800 0 11 77 22 (gebührenfrei; bietet auch Onlineberatung)
Nummer gegen Kummer (kostenfrei, bietet auch Chat- und Mailberatung)

Österreich
Österreichweite Telefonseelsorge: 142 (kostenfrei und rund um die Uhr; bietet auch Sofortchat und Mailanfragen)
Psychiatrische Soforthilfe: 01 31330 (täglich rund um die Uhr erreichbar, 365 Tage und flächendeckend für ganz Wien)
Auch für Studierende: Psychologische Studierendenberatung (Standorte in Graz, Innsbruck, Klagenfurt, Linz, Salzburg und Wien)

Schweiz
Seelsorge.net: + 41 76 333 00 35 (kostenlos, anonym, per Mail)

Beitragsbild: unsplash

Comments

comments

Vorheriger ArtikelWas ist Selbstwertgefühl? #BASMAunplugged
Nächster Artikel„Wir treffen uns in der Mitte der Welt“ – Buchtipp
Salam und hallo! Mein Name ist Menna, aka „die kleine Poetin“, und ich komme aus der wunderschönen Stadt Wien. Ich studiere Literaturwissenschaften, da Bücher schon immer eine große Bereicherung für mich waren und ich mein Leben der Literatur widmen möchte. Mit der Kraft der Poesie kann ich das ausdrücken, was mich beschäftigt. Mein Herz schlägt auch für die Kunst aller Art, Psychologie und die Philosophie. Neben der Fotografie funktioniert das Schreiben von Gedichten und Geschichten wie eine Art Therapie für mich. Die Kombination aus meinem Studium und meine Rolle bei BASMA Magazine als Lektorin fand ich sehr ansprechend. Generell finde ich Sprachen aus aller Welt ästhetisch. Es wäre falsch zu behaupten, wir kämen ohne Worte besser klar. Seit Ende 2019 schreibe ich unter dem Motto „Lass uns reden“ darüber, was mich beschäftigt und mich zum Nachdenken und Überdenken anregt. Außerdem möchte ich als Ziel setzen, dass wir, Autor*innen wie Leser*innen untereinander austauschen und unsere Gedanken teilen.