Liebe besorgte Mitmenschen

Liebe besorgte Mitmenschen,

es fing mit freundlichen Tipps und Ratschlägen an, die ich – zum ersten mal schwanger – gerne entgegen nahm. Irgendwann fiel mir jedoch auf, dass diese kein Ende nahmen, sondern penetranter wurden und von allen möglichen Seiten kamen. Hierbei gab es verschiedene Typen:

 

Die Verbotsfraktion oder auch: Besserwisser

Ihnen ging es primär darum, was ich jetzt alles nicht mehr machen darf (ihrer Meinung nach, wohlbemerkt). Besonderer Fokus lag hierbei auf dem Essen (s. auch Kategorie Gewichtskontrolleure im Anschluß), aber auch alle weiteren Lebensbereiche wurden reglementiert. Will heißen: Kein Fahrradfahren, keine Highheels und beides zusammen sowieso nicht.

Die männlichen Grenzüberschreiter

In meinem Fall meistens männliche Kollegen. Sie plauderten und prahlten locker lustig über die Geburten ihrer Frauen (die sich bestimmt darüber gefreut haben), als ob es ein Wettbewerb wäre, wer die längste Geburt hatte. Oder sie fragten mich, wie ich nach der Geburt wieder so schnell abgenommen habe (worüber sich deren Frauen wahrscheinlich noch mehr gefreut haben).

Die Anfasser

Sämtliche Leute, die einschließlich derer, zu denen man kein enges Verhältnis pflegt und dennoch meinen, den Bauch anfassen zu dürfen. Leider kann man ihn nicht wirklich einziehen, um sich solchen Situation zu entziehen.

Die Gewichtskontrolleure

Oh, wie liebe ich sie. Alles, was man isst wird beurteilt und entweder mit „Das ist ja hoffentlich nicht alles“ oder „Das ist viel zu viel“ kommentiert. Mit dem Gewicht nehmen auch die Kommentare bezüglich der äußerlichen Rundungen zu. Ich habe in meiner ersten Schwangerschaft 30 KG zugenommen (nach den ersten 20 KG hab ich auf die Frage nach dem aktuellen Stand der Gewichtszunahme auch einfach weiter behauptet es seien „nur“ 20 KG). Ja, 30 KG, d.h. ich war zum Schluß schwerer als mein Mann. Nein, ich hatte keine Schwangerschaftsdiabetes.

Die lieben (weiblichen) Verwandten

Die Ratschläge sind meistens wirklich gut gemeint. Allerdings steckt hier oft sehr viel mehr dahinter und birgt auch das ein oder andere Konfliktpotenzial. Als ich Mutter wurde (vor allem von meiner Tochter) merkte ich, dass meine Kinder eine Art Projektionsfläche sind. Es ist wie eine zweite Chance, diesmal alles besser zu machen. Die Aussicht auf solch eine Möglichkeit verleiht den Ratschlägen einen gewissen Druck.

Die absolut Fremden

Diese Kategorie ist einfach ohne Worte.

Gerade als junge Mutter können einen all diese Kommentare verunsichern und geben in keinster Weise Sicherheit – was ja das eigentliche Ziel eines gut gemeinten Ratschlages sein sollte. Es nimmt einem die Möglichkeit, eigene Erfahrungen machen zu dürfen, sich auszuprobieren oder einfach mit seinen Aufgaben zu wachsen. Gerade in unserer Gesellschaft, in der Kinder zu Projekten und Statussymbolen geworden sind, an denen der Erfolg gemessen wird, sollte man den Kontroll- und Planungszwang etwas zurückdrehen. Kein Wunder, dass es demografisch bergab geht, wenn man es als Mutter eh nur falsch machen kann, egal wie man es macht (Stichwort berufstätige Mutter vs Mutter, die sich entscheidet zu Hause zu bleiben). Wenn in unseren Familien zusätzlich ein anderes Verständnis der Mutterrolle herrscht, als in der Mehrheitsgesellschaft, ist der Spagat unmöglich.

In den Zeiten von Victoria Secret Models, die 6 Wochen nach der Geburt wieder auf dem Laufsteg stehen, wird von der Außenwelt besonders viel Druck auf Äußerlichkeiten während der Schwangerschaft, aber auch danach gemacht (Wehe, man „läßt sich gehen“). Es wird dabei aber vergessen, dass ein Großteil während der Schwangerschaft einfach nicht wie ein IG Mommy Goals Model aussieht. Zur Realität gehört, dass danach die gesamte vordere Körperpartie gute 5 – 10 cm tiefer hängt. Ein falsches Idealbild, was zudem noch als normal deklariert wird, erzeugt unnötigen Stress, den man wahrscheinlich eh genug mit einem Neugeborenen hat (weswegen man auch vielleicht im Vorfeld so viel zugenommen hat, weil es den Körper auszehrt ;)).

Durch das ständige Einmischen habe ich mich entmündigt gefühlt und wurde zum Objekt, wobei das Muttersein an sich mich unheimlich reifen lassen hat. Es hat mir gerade gezeigt, dass man nicht alles beeinflussen kann. Aber der entscheidende Punkt ist, dass es um Privatsphäre geht. Etwas sehr Kostbares, wenn man erstmal Kinder hat und die Toilette das einzige Refugium ist.

 

Viele Grüße

Raya

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